Donnerstag, 29. Juli 2010

Die Bremische Bürgerschaft

Zeit für eine neue Rubrik! Endlich kommen wir zu einem Lieblingsthema: Architektur. Ich halte mich aber ein wenig zurück und fange nicht mit meinen geliebten Backsteinen an. Im Gegenteil, wir starten mit Glas! Und zwar mit einem Gebäude, dass die Bremer in zwei Lager teilt: der Bremischen Bürgerschaft. Es ist das modernste Gebäude am Bremer Marktplatz und viele schütteln noch heute den Kopf, wie unpassend es in dieser altehrwürdigen Kulisse sei. Es solle lieber abgerissen werden. Zum Glück geht das nicht mehr, denn heute steht das Gebäude sogar unter Denkmalschutz. Ja, richtig gelesen, die Bremische Bürgerschaft gehört zu den jüngsten Denkmalen in Bremen!
Und damit ihr Euch in Zukunft - wie ich - dem Lager der Fans anschließt hier nun einige Argumente zu seiner Ehrenrettung:

Das Gebäude wurde ab 1961 vom Architekten Wassili Luckhardt errichtet. Man entschied sich damals ganz bewusst für seinen modernen Stil, denn der Bau sollte ein Zeichen werden für einen Neuanfang: weg vom Wiederaufbau, hin zum Neubau. Und so steht es fortan den (1949 historisierend errichteten) Giebelhäusern gegenüber: stolz und zukunftsweisend.
Alles schön und gut, sagen viele, aber musste das ausgerechnet hier sein? Neben unserem schönen, alten Rathaus? Die Bürgerschaft passt sich hier doch gar nicht ein...
Doch! Tut sie! Und wie! Schauen wir genauer hin: kommt uns die vertikale Gliederung nicht bekannt vor? Vielleicht vom Rathaus? Und ist die Gebäudehöhe nicht genau die gleiche? Und die Relie
fs an der Bürgerschaft - sind sie nicht auf einer Ebene mit dem Balkon des Rathauses? Sogar das Dach ist ein Kupferdach, wie bei allen Gebäuden am Markt!
Okay, sagen die Gegner, aber ohne Glas wäre das doch auch gegangen? Schon - aber hätte man dann den Politikern auf die Finger schauen können? Wäre das Gebäude dann einsichtig gewesen für jedermann? Und würde sich die Stadt mit ihren Bürgern auf dem Marktplatz so darin wiederspiegeln? Die Architektur wollte ein Abbild der Demokratie schaffen und an das Alte anknüpfen, ohne es dabei zu kopieren.
Na gut. Aber hätte es sich dem Rathaus nicht unterordnen müssen? Dies hätte doch das wichtigste Gebäude bleiben müssen?
Gegenfrage: Was ist wichtiger, die Regierung der Stadt oder die Regierung des Bundeslandes? Denn im Rathaus wird nur Bremen regiert, im Parlament dagegen der Stadtstaat Bremen und Bremerhaven.
Und so stehen die beiden heute Seite an Seite, ebenbürtig, ähnlich und doch gegensätzlich. Ein Unterschied von knapp 550 Jahren. Da darf man doch ein wenig jünger aussehen oder?
Wer immer noch unversöhnlich ist, kann sich ja mal die gezackte Dachlinie anschauen. Die hat Herr Luckhardt nämlich extra für die gnaddeligen Bremer errichtet. Statt des vorgesehenen Flachdaches. Damit sie sich an die alten Giebel erinnert fühlen - sozusagen als Friedensangebot. Sie werden deshalb bis heute auch 'Kompromissgiebel' genannt.
Überzeugt? Falls nicht - dreht Euch einfach um, der Marktplatz hat zum Glück für jeden was zu bieten. Aber dazu beim nächsten Mal mehr...


1 Kommentar:

  1. Klasse geschrieben.
    Also so genau habe ich da noch nie hingeschaut. Werde beim nächsten Cityfototrip mal darauf achten, ob die Reliefs tatsächlich auf gleicher Höhe mit dem Balkon sind :-)

    Super Post!
    :-)

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